Gedanken zum heutigen Tag…
Manchmal ist es zum Verzweifeln. Da gibt es so vieles, was uns belastet, traurig stimmt, ratlos macht oder auch nervt, und trotz aller inneren Arbeit, die wir mittlerweile vollzogen haben, gibt es immer noch und immer wieder Situationen, die sich so ungut anfühlen…
Da ich im Moment sehr mit Kierkegaard beschäftigt bin (Thema des zur Zeit laufenden Philosophieseminars bei Kepía), denke ich viel über Verzweiflung nach. Um es gleich auf eine provokante Formel zu bringen:
Je weniger Du zweifelst, desto verzweifelter bist Du.
Verzweiflung ist nach Kierkegaard kein Gefühl, sondern ein Bewusstseinsstatus. Als Selbst stehe ich zu mir in einem bewussten Verhältnis, das sich stets aktivisch zu sich selbst verhält – mit meinen Worten: als ethischer Imperativ formuliert:
Verhalte Dich bewusst zu Dir selbst und ergreife Dich selbst.
Meistens schrecken wir davor zurück, und zwar gerade an dem Punkt, an dem uns bewusst wird: so will ich nicht sein! Dann gibt es verschiedene Ausweichsstrategien, die Kierkegaard sehr spannend und mit einer gehörigen Portion Ironie als unterschiedliche Stadien der Verzweiflung beschreibt:
Der Kleiderwechsler, der sich selbst immer wieder neu „erfindet“, aber doch nie wirklich zu sich kommt (er ist verzweifelt, ohne es zu wissen),
Der Weltkluge, der auf gewisse Widersprüche und Dissonanzen in sich stößt, aber schnell wieder abbiegt, um sich nicht aus dem Gleichgewicht werfen zu lassen (er ist verzweifelt, ohne es wahrhaben zu wollen);
Den Verschlossene, der alle Arbeit am Selbst tief in sich vergräbt und so doch im letzten vor sich selbst ausweicht (er ist verzweifelt und will es keinen wissen lassen) und den Trotzigen, der nicht vesucht, sich selbst loszuwerden in dem, was ihm unangenehm erscheint, sondern der sich mit aller Kraft zu sich selbst behaupten will.
Bei all dem ist nun eins entscheidend:
Das Verhältnis, das der Mensch ist (und jeder Mensch ist ein Verhältnis), setzt sich, indem es sich zu sich selbst verhält, zugleich in ein Verhältnis zu einer Macht, die es nicht selbst gesetzt hat.
Klingt kompliziert? Ist es vielleicht auch, aber doch auch verstehbar:
Indem ich mich bewusst ergreifen will, auch mit meinen inhärenten Widersprüchen, mit meinen Unzulänglichkeiten, mit dem, was mich in mir selbst erschrecken mag, bin ich nicht nur auf das geworfen, was ich sozusagen in mir vorfinde. Zugleich stehe ich in einem Verhältnis zum Ewigen, und gerade darin eröffnet sich mein Selbst:
Mit allem,was ich bin und sein kann, bin ich über alles Irdisch-Zeitliche hinaus in einem Bezug zu etwas, was ich mit meinen zur Verfügung stehenden Kategorien nicht erfassen kann.
Was ändert sich dadurch?
Zunächst dies: ich muss mich nicht auf etwas Bestimmtes festlegen (lassen). Ich muss mich nicht entscheiden, nur so sein zu wollen – ich kann Unterschiedliches in mir zulassen und sogar wollen, und dies alles in eine eigene Beziehung bringen.
Aber auch: ich kann immer wieder den Horizont meines Daseins ins Unendliche setzen, indem ich mich nicht nur auf das fokussiere, was ist, oder eben auch nicht ist, sondern mich selbst an dem orientiere, was sein könnte, weil ich es sein will.
Darum geht es letztlich immer wieder, und das scheint mir so überaus wichtig zu sein: sich selbst wirklich mit aller Entschiedenheit ergreifen zu wollen, damit wir nicht einfach so vor uns hinleben und uns das Leben sozusagen zustößt, sondern damit wir mit aller Leidenschaft zu dem werden können, was wir sein wollen.
Für heute mag es genug sein… obwohl es nie genug ist.
Ich grüße Euch zum heutigen Karfreitag – ob Du ihn nun kirchlich, religiös oder sehr weltlich begehen magst: Gelegenheit, über sich selbst nachzudenken, bietet er allemal.